Ein Feuer für Individualität und Gemeinschaft!       

 

Mein Weg als Mitgründerin der Sudbury Schule Ammersee zur Unternehmerin

mit Education in Transition

 

Von Monika Diop-Wernz

 

 

“Es ist 4 Uhr morgens und ich müsste eigentlich schlafen, aber ich kann nicht. Ich bin so

begeistert.” Diese Nacht im November 2004 ist ein Wendepunkt in meinem Leben. 

Ein paar Stunden zuvor kam ich mit einer DVD nach Hause, darauf „Interviews von Sudbury-Schulen“ von Martin Wilke und Henning Graner. Ich war fasziniert. Ich sah mir die Interviews bis in die Morgenstunden an. Selbstbestimmte Bildung innerhalb einer Gemeinschaft wurde hier konsequent, klar, einleuchtend und mit Herz auf den Punkt gebracht. Ich erkannte darin meine eigene Sehnsucht wieder.

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Endlich ging es um die Balance von Individualität und Gemeinschaft. Ich hatte in dieser Nacht die Vision einer Sudbury-Schule in Bayern und vieler weiterer freier Lernorte, die weltweit entstehen. Ich sah mich mitwirken an einer Transformation des Erziehungs- und Bildungssystems und damit an einer Welt, in der Individuen in unterstützenden Gemeinschaften ihre Potentiale entfalten, sich die Freude am Lernen bewahren und in Kooperation all das in die Welt bringen, was es braucht, um in Frieden und Liebe miteinander zu leben.   

 

Diese Vision ist bis heute in mir und ich möchte dir meine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die ganz real ist und dich ermutigen und inspirieren darf. Eine Geschichte, die auch das Scheitern kennt und weiß, wie wichtig es ist, immer wieder aufzustehen. Ich hoffe, mein Weg wird dein Vertrauen in selbstbestimmte Bildung stärken. Wenn du einen freien Lernort gründen möchtest, wenn du Gemeinschaft leben möchtest, vielleicht schon aktiv bist, dann meine ich: Es lohnt sich dafür zu gehen.

Die Gründung: Wir waren Träumer und Idealisten

 

Ein paar Tage vor der schlaflosen Nacht im November 2004 war ich mit meiner Freundin Gerlinde Wagner auf einer Bildungsveranstaltung. Eine Frau drückte uns einen Flyer in die Hand. “Hey, wir gründen eine Schule, Lust?” Ihre funkelnden Augen waren anziehend. Wir wussten noch nicht einmal genau, um was für eine Schule es sich konkret handelte und saßen dennoch ein paar Tage später in ihrem Wohnzimmer. Renate Gentner, die Initiatorin dieses Treffens, kam voller Energie von einer internationalen Konferenz für Demokratische Bildung nach Bayern zurück. Wenige Wochen später gründeten wir zu Neunt den Verein „Sudbury München e.V.“. Wir hatten alle eine gemeinsame Vision, die uns begeisterte, und wir waren entschieden, das Projekt umzusetzen. 

 

Wie so oft, wenn man sich auf den Weg macht, begegnen einem Zweifler. „Selbstbestimmte Bildung, das kann nicht funktionieren!”, „Eine Sudbury Schule in Bayern, das schafft ihr nie! Das ist abgehoben!“. Die Zweifler hatten auch recht: Wir waren Träumer und Idealisten. Wir hatten den Arbeitsumfang unterschätzt: Vereinsstrukturen aufbauen, Konzept schreiben, Logo und Website-Entwicklung, Netzwerkarbeit, Öffentlichkeitsarbeit, Fundraising, Teamentwicklungsprozesse. Wir hatten auch die Hindernisse von Behördenseite unterschätzt und wie lange sich die Gründung dadurch hinziehen würde. Wir waren durch ablehnende Stellungnahmen der Regierung immer wieder gefordert zu unterscheiden, was für uns nicht verhandelbar war und was schon. Wir lernten, wie wichtig es ist, „Nein“ zu sagen. 

Ein Tag im April: Die Ablehnung

 

Ein Tag im April 2010 kann für viele andere Tage stehen. Uns erreichte ein ablehnender Bescheid der Regierung Oberbayern. Einzelne Stimmen im Team schlugen vor, das pädagogische Konzept zu ändern. Ich kämpfte wie eine Löwin für den Bestand unserer Vision, für den Bestand unseres pädagogischen Konzeptes. Immer wieder wurde unser Entschluss getestet und schließlich blieben wir standhaft. Wir wollten nicht aufgeben, wir wollten weiter gehen, wie lange es auch dauern mochte.

 

Trotzdem war es anstrengend und ich war erschöpft. Die Schwierigkeit für mich persönlich war, dass ich nicht mehr als Pädagogin für Einrichtungen mit für mich veralteten Ideen arbeiten wollte. Ich stellte mir viele Fragen; die Sudbury-Schule existierte ja noch nicht. “Was will ich jetzt für mich leben? Wo ist meine Freude und Neugierde?”

Ich weiß seither, wie wichtig es ist, mir immer wieder diese Frage zu stellen. Viele Menschen engagieren sich für soziale Gemeinschaftsprojekte, ziehen daraus ihren Selbstwert, opfern sich auf und vergessen sich selbst dabei. Das wollte ich nicht.

 

Also erlaubte ich mir zu träumen. Ich sah mich durch die Welt reisen, Sudbury-Schulen besuchen, mit einer Kamera in die Praxis eintauchen, denn Fotografie ist meine Leidenschaft. Ich war von dieser Idee begeistert. Otto Herz, ein bekannter Reformpädagoge und Freund, motivierte mich, ein Konzept für diese Reise zu schreiben und mutig um Spendengelder zu bitten. Genau das habe ich getan. Was dann passierte, ist magisch:  Die Spendengelder flossen, ich kaufte mir eine Kamera und machte mich noch im selben Jahr auf den Weg. Diese Erfahrung war sehr prägend für mich. Ich bin mutig in was Neues gesprungen, meiner Freude gefolgt und ich wurde vom Leben unterstützt.

Reise zu Sudbury-Schulen auf der ganzen Welt

 

Ich besuchte elf verschiedene Schulen weltweit und war fast ein Jahr lang unterwegs. 

Während dieser Reise war ich auf mich selbst zurückgeworfen und erlebte die Orte wie eine Schülerin, die gefordert war, selbstbestimmt ihren Tag zu gestalten. Das war oft nicht einfach. Ich begegnete meinen Ängsten, meinem Schmerz und ich stellte manchmal alles in Frage. 

 

An eine Szene auf den Golanhöhen in Israel erinnere ich mich besonders. Damals schrieb ich in mein Tagebuch: “Ich fühle mich verloren. Ich weiß nicht, wohin mit mir. Menschen geben mir Geld, damit ich diese Schulen erforsche, und ich weiß nichts zu tun, nichts mit mir anzufangen. Ich müsste doch… Wie tief dieses ‘müssen’ sitzt, und wie subtil wir unseren Wert über Leistung definieren. Ich könnte heulen, hoffentlich sieht mich niemand. Ich beobachte, wie einige SchülerInnen voller Energie in den Bäumen spielen. Soll ich zu ihnen gehen?“ Kurz darauf folgte ich diesem Impuls tatsächlich und kletterte einen Baum hoch.

Ich kam mir etwas komisch vor, obwohl mich jeder, der mir begegnete, freundlich anblickte. Ich saß mit einem Jungen, Rotem, auf einem Ast. Er war 16 Jahre alt. Er freute sich, dass ich da war. Wie hilfreich es doch ist, wenn man sich willkommen fühlt. Wir begannen zu philosophieren und wir lachten miteinander. Ich saß entspannt den ganzen Vormittag im Baum. Ich erlaubte mir einfach zu sein, nichts zu tun und mir selbst zu genügen. Dieser Moment war wie eine Befreiung und ich war glücklich. Ich erlebte noch viele solcher erkenntnisreichen Momente. Ich lebte meine kreative Seite, folgte meinen Impulsen und war oft im Flow. Ich  führte interessante Interviews mit Schülern, Absolventen, Eltern und Mitarbeitern (www.sudbury-schools-interviews.com) Mein Vertrauen in mich, die selbstbestimmte Bildung und die Sudbury-Schulform war durch diese Reise vertieft und gestärkt. All diese Erfahrungen konnte mir niemand mehr nehmen. 

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Nach neun Jahren Gründung endlich die Schuleröffnung

 

Wieder zurück in Deutschland, steckte ich viel von der gewonnenen Energie in die weitere Schulgründung. Ich hielt Vorträge und coachte Gründungsinitiativen. Das ganze Team gab alles, jeder mit seinen Fähigkeiten. Die Gründung nahm Fahrt auf. Unser Logo entfaltete sich: es symbolisiert die Kraft der Gemeinschaft, die durch das Zusammenspiel der individuellen Kräfte und Fähigkeiten entsteht.

 

Ein Internationaler Wissenschaftlicher Beirat wurde gegründet, wir hatten viel Öffentlichkeit, erhielten Spenden und die Informationsveranstaltungen boomten. Yaakov Hecht, ein Bildungspionier aus Israel, der 1987 die erste Demokratische Schule in Hadera gründete, reiste extra für ein Gespräch ins Kultusministerium nach München. Yaakov erzählte begeistert von der positiven Entwicklung der Demokratischen Bildungsbewegung in Israel. Ich berichtete mit Freude von meiner Reise. Wir waren klar, wir waren überzeugend und wir hatten einen Fuß in der Tür. Endlich wurde das Konzept im Jahr 2012 genehmigt.

 

Es dauerte dann immer noch zwei mühsame Jahre, bis wir ein genehmigungsfähiges Gebäude, eine kleine leerstehende Grundschule in der Gemeinde Reichling in der Ammersee-Gegend, gefunden hatten.   

 

Endlich, endlich im September 2014, war es soweit: Wir konnten die erste Sudbury-Schule in Bayern eröffnen. Was für ein Meilenstein. Neun Jahre hatten wir gegründet und jetzt war das Baby geboren. 

 

Bei der Eröffnungsfeier wurde mir klar, dass wir ohne eine große Vision nicht drangeblieben wären. Ohne unsere Begeisterung und Klarheit hätten wir es nicht geschafft. 

 

Die kleine Schule wurde in ein gemütliches Zuhause umgestaltet. Die Bürgermeisterin, viele Nachbarn und Besucher aus der ganzen Welt feierten mit uns die Eröffnung. Für 35 Kinder und Jugendliche, ihre Familien und uns als Team begann ein neuer Lebensabschnitt. Ein neues Abenteuer. Die Aufbauzeit einer neuen Schulform für Bayern.

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Wie in jeder Liebesgeschichte, so auch hier: Nach einem anfänglichen Höhenflug waren wir ziemlich bald mit schwierigen Prozessen konfrontiert. Es galt, eine neue Schulkultur aufbauen, die völlig andere Werte fokussierte als unser gängiges Schulsystem. Wir waren gefordert, Strukturen und Regeln aus einem Nichts heraus zu entwickeln, die auf die Bedürfnisse der Gemeinschaft abgestimmt waren. Demokratische Werte wie Respekt, Meinungsfreiheit, gleichberechtigte Mitsprache, Teilhabe und Verantwortung wirklich in der Tiefe zu begreifen und zu leben, ist komplex und oft nicht einfach.

Rennen oder nicht rennen? Die Schulregeln entstehen

 

Auch meine Rolle änderte sich. Ich war jetzt Mitarbeiterin, mit anderen Aufgaben, anderen Verantwortlichkeiten. 

EIn Beispiel: Ich sitze im Oktober 2014 im Büro. Draußen rennen Schüler laut durch den Gang. Ich bitte sie, dies nicht zu tun, damit ich konzentriert meinen Aufgaben nachgehen kann. „Wo steht im Gesetzbuch, dass wir nicht rennen dürfen?“, fragt mich eine neunjährige Schülerin. Ich ärgere mich, dass ich kein Verständnis bekomme. Gleichzeitig verstehe ich, dass viele das Bedürfnis nach Bewegung haben. Sie mussten zuvor Jahre lang die meiste Zeit stillsitzen. Ich stelle einen Antrag für eine neue Regel. Dieser wird nach einer Diskussion in der Schulversammlung von der großen Mehrheit abgeschmettert. Im ersten Moment hätte ich am liebsten mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Im zweiten bin ich ein auch stolz, dass es mir gelingt, diese Mehrheitsentscheidung zu akzeptieren. Das Bedürfnis nach Ruhe im Gang entwickelt sich mit der Zeit bei Mehreren. Viel der angestauten Energie war freigesetzt worden. Nach einigen Wochen wird auf Antrag einer Schülerin eine Regel im Gesetzbuch aufgenommen und von der Gemeinschaft mitgetragen: Auf den Gängen soll es ruhig sein. 

Mit der Zeit vertiefte sich ein Wir-Gefühl. Auch die konsequente Altersmischung förderte dies. Ich erinnere mich, wie in den ersten Monaten die Jugendlichen oft von den Jüngeren genervt waren und sich gestört fühlten, und die Jüngeren oft ängstlich gegenüber den Jugendlichen wirkten. Nicht jeder fühlte sich sicher. Es passierten einige unschöne Dinge. Doch mit der Zeit und mit Hilfe des Justizkomitees, das sich um Regelverstöße kümmerte und um Gerechtigkeit bemühte, lösten sich viele Barrieren auf.


 

Der Ort bekam eine Anziehungskraft. Wir hatten unseren ersten Tag der offenen Tür, ca. 400 Besucher. Das Haus platzte aus allen Nähten. Innerhalb des Dorfes gab es keine Parkplätze mehr. Die Presse interessierte sich für uns. Wir hielten Workshops für Gründer. In Bayern gab es mittlerweile mehrere Initiativen für Demokratische Schulen, die einen Antrag auf Genehmigung bei den Behörden einreichten. Wow, meine Vision war dabei, sich zu verwirklichen. 

Einige Schüler erlebten so, wie ich damals auf den Golanhöhen, Phasen von Verlorensein. „Mit ist so langweilig!“ Ich hörte dies oft. Wenn es jemandem nicht gut ging, konnte ich einfach da sein. Der Übergang von der fremdbestimmten Struktur zu einer, in der jeder selbst für seine Bildung verantwortlich ist, ist sicher eine der größten Herausforderungen, auch für Eltern.  

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Gegenwind von der Behörde

 

Doch parallel dazu kam der Gegenwind: „So können Sie das nicht machen! Wir brauchen mehr Beweise dafür, dass genügend gelernt wird!“, so eine Regierungsbeamtin am Telefon als Reaktion auf mühevoll erstellte, ausführliche Zwischenberichte und Dokumentationen. Die Spannungen mit der Regierung von Oberbayern nahmen mit der Zeit zu. Die Art und Weise, wie wir versuchten, positive Entwicklungen und Lernprozesse aufzuzeigen, schien nie genug.

Natürlich war es auch uns ein Anliegen, auf diese Ängste einzugehen. Immer wieder suchten wir das Gespräch, gingen Kompromisse ein und bauten Brücken, wo wir konnten. Wir wollten Vertrauen aufbauen. Nach einem Inspektorenwechsel im zweiten Jahr wurde es allerdings noch schlimmer. 

 

Es ist Dienstagvormittag im März 2016. Plötzlich steht dieser neue Inspektor mit drei Frauen im Gang. Er trägt einen grauen Anzug, hat kurze blonde Haare, ist ca. 40 Jahre alt, wirkt angespannt und hastig. Ich  begrüße  ihn freundlich: „Herzlich willkommen. Möchten Sie erst einmal ins Büro kommen, vielleicht einen Kaffee trinken?“ „Nein! Nein!“, sagt er streng, ohne Blickkontakt aufzunehmen und zieht sofort mit seinen Begleiterinnen durch die Schule. Er fegt von Zimmer zu Zimmer und hinterlässt nach 2 Stunden eine aufgewühlte und schockierte Gemeinschaft. Viele fühlen sich von oben herab behandelt und unangenehm ausgefragt. Eine Schülerin kommt entrüstet auf mich zu: „Der behandelt uns, als wären wir alle Volltrottel“, ein weiterer Schüler:„Schon als er reinkam, fand er unsere Schule Kacke!“ Martin, ein elfjähriger Schüler, bricht zusammen und weint bitterlich. Er erzählt mir, dass der Inspektor zu ihm abfällig gesagt hat: „Na, was hast du denn jetzt hier gelernt?“ Damit war Martins geliebte Biologielerngruppe abgewertet. Er hatte sie selbst ins Leben gerufen und dies war eine persönliche Tragödie für ihn. 

 

Zum Hintergrund: Martin (Name geändert) hatte bereits schwierige Schulerfahrungen hinter sich, an seiner letzten Schule war er von einem Schulbegleiter unterstützt worden. Diagnose: Asberger Syndrom. Auch bei uns  hatte er anfangs viele soziale Schwierigkeiten. Irgendwann zog er sich wochenlang mit „Harry Potter“-Büchern in die Bibliothek zurück.  Dann entwickelte er ein neues Interesse: Biologie. Er erlebte eine neue Akzeptanz für seine Interessen und konnte Erfahrungen von Selbstwirksamkeit machen. Je mehr er bei sich selbst ankam, umso leichter wurde es für ihn auch innerhalb der Gemeinschaft. Die abschätzende Haltung des Regierungsbeamten traf ihn mitten ins Herz. 

 

Es kam dann alles noch schlimmer. Uns erreichte ein verdrehtes, durchweg vernichtendes  Protokoll des Besuches. Zwei unterschiedliche Wertesysteme prallten mit aller Wucht aufeinander. Deutlich wurde, dass der Inspektor die Schule durch den Filter einer klassischen Mittelschule betrachtete und nur nach organisiertem Unterricht suchte. Wir forderten in einem Schreiben einen Inspektorenwechsel. Wir wollten jemanden, der Kenntnisse und Offenheit gegenüber Demokratischen Schulen hat. Jemanden, der seine Aufgabe auch darin sieht, zu schauen, ob und wie das genehmigte Konzept umgesetzt wird. 

 

Die Reaktion der Behörde war hart: Wir sollten innerhalb weniger Tage Tische, Stühle und Stifte für Tests bereitzustellen. Wir beriefen eine Sonderschulversammlung ein. Alle waren da. „Was sollen wir tun?“ Ein Anwalt, den wir zu Rate zogen, war der Ansicht, dass die Regierung in die Privatschulfreiheit eingreife. Jetzt waren wir gefordert: Sollten wir für uns einstehen oder uns unterordnen? Wir entschieden uns, das Testverfahren abzulehnen. Wäre ein Wohlwollen seitens der Behörde da gewesen, wäre die Entscheidung anders ausgefallen. 

 

Es war nicht nur ein „Nein“ zu den Tests. Es war ein „Nein“ zu dem enormen Druck, der von der Regierung von Bayern aufgebaut wurde. Es war ein „Nein“ zu dem respektlosen Vorgehen der Inspektion.

Das Ende kam mit einem Hammerschlag

 

Dann kam das Ende. Ein Hammerschlag. Die Schule wurde geschlossen. Einfach platt gemacht. Das war ein Schock. Unser Eilantrag ans Gericht wurde abgelehnt. Ein nächster Schlag. Wir kämpften als Gemeinschaft, gingen auf die Straße. Wir verklagten die Regierung von Oberbayern, organisierten Veranstaltungen, Aktionen und schrieben Petitionen. Alles ohne Erfolg, mit einem enormen Aufwand und vielen Enttäuschungen.

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Die Schließung ist nun über vier Jahren her. Heute befinden wir uns in zweiter Instanz in einem Berufungsverfahren vor dem bayrischen Verwaltungsgerichtshof. Das Gebäude, das bis heute bereit steht und sofort wieder als Schule genutzt werden könnte, konnten wir durch Spenden erhalten. Ich hatte die letzten Jahre das Glück, in einem schönen Naturkindergarten selbstbestimmte Bildung leben und mitgestalten zu dürfen. Ich brauchte Zeit, alles zu verarbeiten, mich zu erholen und zu reflektieren.

Ein „Ja“ zu der Vision, dass Individualität und Gemeinschaft in Freiheit möglich sind

 

Ich war entmutigt von dem Tiefschlag. Das Scheitern traf mich mitten im Kern. Ich begegnete meinem Schmerz, Ohnmachtsgefühlen und Hilflosigkeit. Ich war oft wütend. Auf die Regierung, auf den Inspektor, auch auf das Leben. Ich musste durch all das hindurch. Es gelang mir mit der Zeit, alles anzunehmen, alte Verletzungen zu heilen und ein tieferes Vertrauen ins Leben zu entwickeln. Misserfolge, Irrwege und Rückschritte sind Bestandteile großer Visionen. 

Je mehr es gelingt, selbst Schmerz, Ängste und Enttäuschung zu integrieren, umso freier und selbstbestimmter ist das Leben möglich und umso mehr selbstbestimmte Bildung können wir gewähren. Heute sehe ich den Reichtum und den Wert aus all den Erfahrungen. 

 

Ich bin stolz darauf, dass ich zu vielem „Nein“ gesagt habe und mir treu geblieben bin. Ich bin stolz auf uns, dass wir uns treu geblieben sind. Dieses „Nein“ war ein „Ja“ zu mir, es war ein „Ja“ zu unseren Werten und es war ein „Ja“ zu der Vision, dass Individualität und Gemeinschaft in Freiheit möglich sind. 

 

Dieses „Ja“ ist heute - fast zwei Jahrzehnte nach der schlaflosen Nacht - die Grundlage für mein Unternehmen „Education in Transition“. 

 

Es ermutigt mich zu sehen, wie viel Feuer da ist, wie viele Menschen, Gemeinschaften und Kooperationen sich jetzt für Veränderungen im Bildungsbereich einsetzen und neue Lernorte ins Leben rufen. Eine Veränderung wird nicht von oben, durch die Politik kommen, sondern von der Basis, durch jeden einzelnen von uns. „Education in Transition“ ist ein machtvolles Werkzeug der Unterstützung für diesen Wandel. 

 

Es ist ein neuer Morgen.

Artikel erschienen www.freilerner.de: Link

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15.01.2021